Besondere Blickwinkel

In der Sommerakademie bei Friedrich Hechelmann im September darf ich eine schlanke weiße Marmorstatue zeichnen. Sie steht im hellen Treppenhaus und ist wunderschön. Voller Vorfreude schleppe ich meinen Tisch die Stufen hinauf. Aber die Venus steht mit dem Rücken zum Fenster – das verschattet die Vorderseite. Ich hätte sie gerne von rechts gezeichnet, das ist ihre „Schokoladenseite“. Aber dort versperrt mein Tisch den Treppenaufgang. Also nehme ich die linke Seite, die eigentlich abgewandte – was bleibt mir übrig?

Das Gleiche ist es mit der Augenhöhe. Der Betrachter einer Statue sucht sich automatisch den besten Blickwinkel. Der Zeichner ist auf Tisch- und Sitzplatz-Höhe angewiesen. Angucken, evtl. Fotografieren als Museums-Besucher, das geht schnell. Zeichnen dauert Stunden. Das geht nicht im Stehen, nur um der Statue schön ins Auge sehen zu können. Man muss einigermaßen entspannt sitzen können, sonst hält man nicht so viele Stunden durch. Dafür ist das Ergebnis dann ganz individuell: Nicht das Bild, das sich jeder eingeprägt hat. Sondern eine ganz unerwartete Ansicht von der Seite.

Bleistift und Kreide auf blauem Ingres-Papier
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