Demut

Die Kunst lehrt mich Demut. Ich werde immer so an die Grenzen des Möglichen herangeführt. Ein Puppenfoto im Herbst? Kein Problem, möchte man meinen. Es gibt ja so viele herrliche Motive!

Aber zuerst gilt es, das Bild vor dem inneren Auge zu entwerfen. Die Accessoires zu besorgen und zusammenzusuchen, die Kleidung zu nähen und zu stricken. Dann braucht man geeignetes Wetter: Nicht zu sonnig, das gibt Spiegelungen in den Puppengesichtern. Aber auch nicht zu windig: Puppen haben keinen festen Stand und fallen ganz schnell um. Und bei Regenwetter rolle ich nicht gerne auf dem Boden herum, Puppen wollen ja auf Augenhöhe fotografiert werden. Bis ich eine geeignete Stelle finde für das, was mir vorschwebt, fahre ich oft tagelang in der Gegend rum.

Und dann wird fotografiert. Von allen Seiten, in unterschiedlichen Positionen, aus verschiedenen Blickwinkeln. Und trotzdem kann es passieren, dass es nichts wird. Dass das Motiv nicht das hergibt, was ich wollte. Oft hängt es einfach auch mit der geringen Größe der Puppen zusammen. Der niedrige Blickwinkel verengt das Blickfeld. Oder irgendeine Kleinigkeit im Hintergrund stört und ruiniert das ganze Bild.

Es kommt auch vor, dass ich einfach nicht zufrieden bin: Das Foto ist tadellos, und trotzdem ist es banal. Keine Aussage, keine Spannung im Bildaufbau. Manchmal lösche ich die Ergebnisse eines ganzen Tages. Und dann wieder gibt es Fotos, wo ich sofort sehe: das ist es. Ich habe den Zauber des Augenblicks eingefangen. Es ist Herbst, die Puppen wandern auf dem Jakobsweg. Sie lassen am Waldrand Drachen steigen. Und sie sammeln bunte Beeren, einen ganzen Korb voll.

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